Alfred zur Linde – Freimaurer Essen

1815-1856

Freimaurerei im industriellen Essen

Essen lag im Mittelalter am Hellweg, war Hansestadt und gehörte seit dem Wiener Kongress von 1815 endgültig zu Preußen. Im 19. Jahrhundert wandelte sich die Stadt durch Kohle und Stahl grundlegend. Die Einwohnerzahl stieg von rund 8.000 im Jahr 1846 auf über 100.000 im Jahr 1896, in dem Essen zur Großstadt wurde; 1929 war es mit etwa 650.000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt Deutschlands.

In dieses wachsende Umfeld fallen die ersten Belege für Freimaurerei in Essen. 1803 druckte und verlegte der Essener Hofdrucker Baedeker eine Sammlung von Freimaurerliedern „zum Besten armer Brüder“. Sie gilt als das früheste Zeugnis freimaurerischer Aktivität in der Stadt. Auch in der industriellen Führungsschicht gab es Freimaurer. Alfred Krupp etwa wurde mit seinem Bruder Wilhelm in der Düsseldorfer Loge „Zu den drey Verbündeten“ aufgenommen; als Essener Stadthauptmann ließ er die mittelalterlichen Stadtmauern abtragen und die Steine zum Pflastern der Wege verwenden.

Eine eigene Loge besaß Essen zu dieser Zeit noch nicht. Die in der Stadt lebenden Freimaurer gehörten Logen in der Umgebung an, etwa in Wesel (seit 1775), Bochum (1785), Duisburg (1820) oder Mülheim (1839). Für die Gründung einer neuen Loge waren neun Meister erforderlich.

1856-1857

Das Maurerische Kränzchen

Ab 1856/57 trafen sich die Essener Freimaurer zwanglos in einem Zimmer des Gasthauses Bürhaus am Steeler Tor. Am 3. September 1857 lud Bruder Mertens die in Essen und Umgebung lebenden Brüder schriftlich zu einer Versammlung ein, um über die Gründung eines maurerischen Kränzchens als Vorstufe zu einer Loge zu beraten. Die Versammlung beauftragte drei Brüder mit der Ausarbeitung einer Satzung, die am 19. September 1857 genehmigt wurde.

Als Zweck nannte die Satzung, den Brüdern in Ermangelung einer Loge Zusammenkünfte zu ermöglichen, die „Frohsinn des Lebens und geistige Anregung“ fördern sollten. 24 Brüder unterzeichneten sie unmittelbar, weitere 23 in den folgenden Wochen.

1858-1859

Die Gründung der Loge

Nach preußischem Verständnis setzte eine Loge ein eigenes Logenhaus voraus. Ein geeignetes Grundstück von 300 Quadratmetern mit einer massiven Scheune fand sich in zentraler Lage an der Lindenallee. Da sich die nötigen Mittel auf freiwilliger Basis nicht aufbringen ließen, gründeten die Brüder am 3. März 1858 eine Logen-Errichtungs-Gesellschaft. Ihre 34 Gesellschafter verpflichteten sich zu jährlichen Beiträgen und teils zu verzinsten Darlehen. Am 24. April 1858 ging das Grundstück auf Carl Langen über, den späteren Meister vom Stuhl, der als Vertreter der Gesellschaft handelte. Eine lokale Zeitung berichtete im April 1859 über das im Bau befindliche Gebäude, das „von Maurern für Maurer“ errichtet werde, und kündigte die Konstituierung für Mai an.

Am 30. April 1859 konstituierten 15 aktive Mitglieder und 14 ständig besuchende Brüder die Loge. Als Namen wählten sie „Alfred zur Linde“. Der Name nahm Bezug auf die Dortmunder Loge „Zur alten Linde“ und erinnerte an Bischof Altfried, den Gründer von Stift und Münster in Essen. Einer Überlieferung zufolge stand an der Ruhrallee lange eine mächtige Linde, im Volksmund „das krause Bäumchen“ genannt, an der Altfried gesessen haben soll; nach heutiger Einschätzung handelte es sich vermutlich um eine Femeeiche. Das Logensiegel zeigt bis heute eine Linde.

Am 30. Juni 1859 beantragte die Loge bei der Großen National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ das Konstitutionspatent, das am 2. September 1859 erteilt wurde. Die feierliche Einbringung des Lichtes in den Tempel fand am 27. November 1859 statt; 151 Brüder trugen sich an diesem Tag in das Anwesenheitsbuch ein.

1859-1914

Wachstum und Wirken im Kaiserreich

Die Loge wuchs mit der Stadt. Ihr geistiges Leben entwickelte sich durch Vorträge, etwa zu Ritualen und Symbolen, und ihre Feste wurden zu gesellschaftlichen Ereignissen. Nach außen trat die Loge selbst zurückhaltend auf. Wirksam wurden ihre einzelnen Mitglieder, die als Stadtverordnete, Bürgermeister oder als Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses tätig waren. Mehrere Essener Straßen tragen ihre Namen, darunter Gummert, Chefarzt der Krupp’schen Krankenanstalten, der Wirtschafts- und Sozialpolitiker Hammacher und der Bürgermeister Kerckhoff. Einzelne Mitglieder engagierten sich wohltätig, etwa Wilhelm Potthoff mit der Kaiser-Wilhelm-Stiftung, Carl Theodor Heyden als Mitbegründer des Vereins gegen Bettelei und Verarmung und Friedrich Adolf Hammacher mit einer Stiftung zugunsten der nach ihm benannten Fortbildungsschule.

Ein bemerkenswerter Vorgang fällt in das Jahr 1873. Am 14. Oktober stimmte die Meisterschaft der Loge über einen Antrag ab, den Paragraphen der Bundesstatuten zu streichen, der für die Aufnahme ein christliches Bekenntnis verlangte. 17 der 18 anwesenden Meister stimmten zu und erklärten, der Aufnahme jüdischer Bewerber stehe nichts entgegen. Auf Ebene der preußischen Logen fand der Antrag jedoch keine Zweidrittelmehrheit, sodass die Regelung zunächst bestehen blieb. In Essen traten daraufhin 1884 mehrere Brüder aus.

Bis zum 50. Jubiläum am 12. Dezember 1909 war die Loge auf 152 ordentliche Mitglieder und 108 ständig besuchende Brüder gewachsen. Am selben Tag wurde ein wesentlich größeres Logenhaus an der heutigen Logenstraße eingeweiht, errichtet auf dem Grundstück des bisherigen Gebäudes.

1914-1929

Weltkrieg und Weimarer Republik

Essen lag im Mittelalter am Hellweg, war Hansestadt und gehörte seit dem Wiener Kongress von 1815 endgültig zu Preußen. Im 19. Jahrhundert wandelte sich die Stadt durch Kohle und Stahl grundlegend. Die Einwohnerzahl stieg von rund 8.000 im Jahr 1846 auf über 100.000 im Jahr 1896, in dem Essen zur Großstadt wurde; 1929 war es mit etwa 650.000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt Deutschlands.

Während des Ersten Weltkriegs setzte die Loge ihre Arbeiten fort. Der Meister vom Stuhl, Sanitätsrat Dr. Paul Schneider, schulte die Frauen der Mitglieder zu Krankenschwestern und betreute mit ihnen ehrenamtlich Verwundete der Essener Lazarette, die wiederholt auch im Logenhaus versorgt wurden. 18 Brüder fielen im Krieg.

In den 1920er Jahren erreichte das Logenleben einen neuen Höhepunkt. Zwischen 1924 und 1929 waren häufig nahezu alle Brüder bei den Arbeiten und Festen anwesend, und auch das gesellschaftliche Leben war ausgeprägt.

1929-1945

Verfolgung und Auflösung

Ab 1929 nahmen die Angriffe und Verleumdungen durch die Nationalsozialisten zu. Nach 1933 verschärfte sich die Lage; noch im selben Jahr verlangte eine Regierungsverordnung die Auflösung aller Logen. Am 16. Juni 1935 beschloss die Große National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ ihre Auflösung zum 15. Juli 1935 und empfahl den Tochterlogen das gleiche Vorgehen. Am 20. Juli 1935 kamen die Essener Mitglieder und ihre Angehörigen ein letztes Mal im Logenhaus zusammen; die beweglichen Gegenstände wurden unter den Brüdern verteilt. Bei einem weiteren Treffen am 25. September 1935 standen sie in Gegenwart eines Gestapobeamten in der Kette und sangen das Kirchenlied „Ein feste Burg ist unser Gott“. Anschließend wurden Logenhaus und Grundstück beschlagnahmt und Versammlungen in jeder Form verboten.

Die Akten der Gestapoleitstelle Düsseldorf sind erhalten und ausgewertet. Auch Essener Freimaurer wurden vorgeladen, bespitzelt, ihre Wohnungen durchsucht und ihre Post überwacht; einige wurden ab 1933 verhaftet. Verfolgt wurden sie dabei meist aus anderen Gründen, etwa als Gewerkschafter, Sozialdemokraten, Liberale oder kritische Journalisten; die freimaurerische Vergangenheit stand selten im Vordergrund. Einer mündlichen Überlieferung zufolge konnte ein Mitglied, das Hermann Göring aus seiner Zeit als Flieger persönlich kannte, in einzelnen Fällen die Freilassung verhafteter Brüder erwirken.

Mehrere Brüder hielten den Kontakt unter Tarnung aufrecht. 26 Mitglieder von „Alfred zur Linde“ trafen sich als „Trampel-Klub“ zu Wanderungen im Ruhrtal, Brüder der ebenfalls Essener Loge „Schiller“ gaben ihre Zusammenkünfte als „Kreis der Kegler“ aus, dessen Kürzel KK auch für „Königliche Kunst“ stand, ein Synonym für die Freimaurerei.

Ein einzelnes Schicksal dieser Jahre ist gut dokumentiert. Dr. med. Paul Schneider, 1867 in Küstrin geboren und ursprünglich jüdischen Glaubens, hatte sich wenige Tage vor seiner evangelischen Trauung taufen lassen. Er war praktischer Arzt und preußischer Sanitätsrat und von 1911 bis 1919 sowie von 1922 bis 1935 Meister vom Stuhl der Loge. Nach dem gegen ihn verhängten Berufsverbot behandelte er nur noch privat in Ratingen. Im Herbst 1944 erhielt er den Befehl zur Deportation in das Vernichtungslager Treblinka, mit Sammelpunkt am Essener Hauptbahnhof. Nach Schilderung einer Enkelin wurde er am Vortag von mehreren Personen mit dem Auto abgeholt; bei Dunkelheit brachte man die gesamte Familie aus dem Ratinger Haus fort und in einem Zug nach Bremen. Dort erhielt das Focke-Wulf-Flugzeugwerk einen neuen Werksarzt: einen angeblich 77-jährigen Dienstfreiwilligen aus den friesischen Niederlanden, der nach seinen Papieren Poul Snyder hieß. Paul Schneider starb 1946 in Bremen.

Seit 1945

Neubeginn

Das große Logenhaus lag 1945 in Trümmern, und Logen waren zunächst weiterhin nicht zugelassen. Die verbliebenen Brüder trafen sich daher erneut als „Trampel-Klub“. Am 22. Juni 1946 feierten sie eine bescheidene Tafelloge zum Johannisfest, am 2. November 1946 das Stiftungsfest. Am 8. Dezember 1946 stimmte die britische Militärregierung Logenversammlungen zu.

Nach einer ersten Beratung über die Neukonstituierung im November 1947 erteilte der Regierungspräsident in Düsseldorf am 16. Juni 1948 die Genehmigung. Die Loge „Alfred zur Linde“ nahm ihre Arbeit mit der symbolischen Lichteinbringung am 7. August 1948 wieder auf und wurde 1953 in das Vereinsregister eingetragen. Sie schloss sich der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer (AFuAM) an. Nach und nach tauchten Gegenstände aus dem alten Logenhaus wieder auf, darunter der Hammer, die drei Säulen, von denen eine ein Einschussloch trug, sowie das Bildnis Friedrichs des Großen.

Am 19. Juni 1949 gehörten die Meister vom Stuhl der beiden Essener Logen „Alfred zur Linde“ und „Schiller“ zu den Unterzeichnern der Verfassung der neuen Vereinigten Großloge und nahmen am Gründungsfestakt in der Frankfurter Paulskirche teil. 1955 fand der Großlogentag des Jahres in Essen statt.

Seit 1961

Das heutige Logenhaus

Der Wunsch nach einem eigenen Haus blieb bestehen. 1958 beauftragte die Hauptversammlung den Vorstand, mit der Stadt über ein Grundstück an der Admiral-Scheer-Straße zu verhandeln; der Vertrag kam Mitte 1959 zustande. Die Mittel stammten im Wesentlichen aus dem Verkauf des Trümmergrundstücks an der Logenstraße. 1960 wurde Richtfest gefeiert, 1961 das Logenhaus eingeweiht. Es bot fast 60 Appartements, einen großen Tempel, Gesellschaftsräume und eine Gastronomie im Erdgeschoss.

Da das Haus mit knappen Mitteln errichtet worden war, mussten zunächst viele Räume vermietet werden, die Beletage an eine Tanzschule. Der Loge blieben anfangs nur ein Clubraum und die Bibliothek, und die rituellen Treffen fanden am Ruhetag der Tanzschule statt. Erst 1982 konnte die Loge nach mehreren Umgestaltungen die Räume im Erdgeschoss beziehen. Sie sind bis heute das Heim der Essener Logen.