Alfred zur Linde – Freimaurer Essen

Die Freimaurerei gehört zu den ältesten Bünden Europas, und kaum einer wird so häufig missverstanden. Wer zum ersten Mal von ihr hört, denkt an verschlossene Türen, geheime Zeichen, vielleicht an das eine oder andere Gerücht. Die Wirklichkeit ist unspektakulärer und anspruchsvoller, als viele denken. Die Freimaurerei ist ein Bund freier Menschen, die an sich selbst arbeiten wollen: an ihrem Charakter, an ihrem Umgang mit anderen, an ihrer Haltung zur Welt. Das wichtigste Bild dafür stammt aus dem Handwerk, dem die Freimaurerei ihren Ursprung verdankt. So wie ein Steinmetz einen rohen Block bearbeitet, bis er in ein Bauwerk passt, arbeitet der Freimaurer an seinen eigenen Ecken und Kanten und versucht, etwas zu dem beizutragen, was die Maurer den „Tempel der Humanität“ nennen.

Woher wir kommen: Ursprung und Werte

Die Wurzeln der Freimaurerei reichen in die Bauhütten des Hoch- und Spätmittelalters zurück. Damals schlossen sich die Steinmetze und Baumeister, die an den großen Kathedralen und Domen arbeiteten, in Bruderschaften zusammen, im Englischen „Lodges“ genannt, woraus später unser Wort „Loge“ wurde. Diese Handwerker besaßen ein für ihre Zeit außergewöhnliches Wissen über Geometrie, Statik und Steinbearbeitung, das sie mündlich von Meister zu Geselle weitergaben Schon damals kannten sie feste sittliche Verpflichtungen und ein Fürsorgesystem für Kranke, Witwen und Waisen. Vermutlich geht der Name „Freimaurer“ auf den englischen freestone-mason zurück, den Bearbeiter des feinen, weichen Steins.

Vom späten 16. Jahrhundert an nahmen britische Bauhütten zunehmend Menschen auf, die das Handwerk gar nicht ausübten: Adlige, Gelehrte, Kaufleute, Geistliche. Über mehr als 150 Jahre wandelten sich die handwerklichen Hütten so zu Gesellschaften, in denen die Steinbearbeitung in den Hintergrund trat und der Mensch in den Mittelpunkt rückte. Die alten Werkzeuge und Bräuche bekamen eine sinnbildliche Bedeutung. Aus der „operativen“ Werkmaurerei wurde die „spekulative“ Freimaurerei, getragen vom Geist der Aufklärung mit ihrem Vertrauen in Vernunft, Bildung und die Würde des Einzelnen. Als Geburtsstunde der modernen Freimaurerei gilt der 24. Juni 1717, der Johannistag, an dem sich in London vier Logen zur ersten Großloge zusammenschlossen. Sechs Jahre später erschien mit den „Alten Pflichten“ ein Grundgesetz, das bis heute nachwirkt. Nach Deutschland kam die Bewegung rasch: Am 6. Dezember 1737 wurde in Hamburg die erste deutsche Loge gegründet, die spätere „Absalom zu den drei Nesseln“. Schon im Jahr darauf wurde der spätere König Friedrich der Große aufgenommen. Das zeigt, wie sehr die neue Geistesbewegung den Zeitgeist traf.

Getragen wird die Freimaurerei von einigen wenigen, klaren Idealen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität, dazu Menschenliebe und tätige Hilfsbereitschaft. Damit diese Werte greifbar werden, übersetzt die Freimaurerei sie in eine Bildersprache, die aus der Bauhütte stammt. Der rauhe, unbehauene Stein steht für den noch unfertigen Menschen und damit für den Lehrling, der seinen Weg gerade erst beginnt.

Freiheit

Gleichheit

Brüderlichkeit

Toleranz

Humanität

Wofür wir stehen: Die humanitäre Freimaurerei in Deutschland

Die reguläre deutsche Freimaurerei ist in fünf weitgehend selbständigen Großlogen organisiert, die sich 1958 zu den Vereinigten Großlogen von Deutschland, Bruderschaft der Freimaurer, zusammengeschlossen haben. Die Vereinigten Großlogen vertreten die deutsche Freimaurerei nach außen, gegenüber dem Ausland und der Öffentlichkeit; in ihren inneren Angelegenheiten und in ihrer jeweiligen Lehrart bleiben die Mitgliedsgroßlogen eigenständig. Unsere Loge gehört zur Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, der mitgliederstärksten der fünf. Gegründet wurde diese Großloge 1949 in der Frankfurter Paulskirche, einem geschichtsträchtigen Ort der deutschen Demokratie, als erster Zusammenschluss von Logen aus ganz unterschiedlichen Vorkriegstraditionen.

„Humanitär“ oder „humanistisch“ heißt diese Richtung, weil sie den Menschen ins Zentrum stellt und keine bestimmte Konfession verlangt. Sie nimmt Männer jeden Glaubens auf, ob Christen, Juden, Muslime oder Konfessionslose. Damit unterscheidet sie sich von der christlich orientierten Freimaurerei, die ein Bekenntnis zum Christentum voraussetzt, und von der adogmatischen Richtung mancher europäischer Großorients, die ganz auf einen Gottesbezug verzichtet und deshalb international vielfach als irregulär gilt. Unsere Tradition hält einen Mittelweg: weltanschaulich offen und doch auf einem festen Fundament.

Was bedeutet das für einen Mann, der mit Kirche und Bekenntnis wenig anfangen kann? Die Freimaurerei fragt niemanden aus, woran er glaubt, und in der Loge wird über Religion und Politik nicht gestritten. Verlangt wird allein die Anerkennung eines höheren Prinzips, das die Maurer den „Großen Baumeister aller Welten“ nennen. Dahinter steht kein Gott einer einzelnen Religion. Wer ehrlich sucht, wer zweifelt und fragt, ist hier willkommen. Schwer tut sich nur, wer jede solche Dimension grundsätzlich und kämpferisch ablehnt. Schon die „Alten Pflichten“ von 1723 verpflichten den Maurer nur auf jene Religion, in der alle Menschen übereinstimmen, und lassen jedem im Übrigen seine eigene Überzeugung.

Was Freimaurerei nicht ist

Über kaum einen anderen Bund kursieren so viele Vorstellungen wie über die Freimaurerei. Manche davon sind harmlos, andere reichen bis zu handfesten Verschwörungserzählungen. Ein paar dieser Missverständnisse möchten wir hier ausräumen.

Eine Geheimgesellschaft ist die Freimaurerei nicht. Logen sind eingetragene Vereine, sie treten unter ihrem Namen auf, unterhalten Internetseiten und laden zu öffentlichen Veranstaltungen ein. Geheim bleiben allein die rituellen Inhalte und Erkennungszeichen, und das aus einem schlichten Grund: Ein Ritual wirkt am stärksten, wenn man es selbst zum ersten Mal erlebt. Treffender als „Geheimbund“ ist deshalb die alte Formel von der „Gesellschaft mit Geheimnissen“, die jedem offensteht.

Eine Religion oder gar eine Sekte ist sie ebenso wenig. Es gibt kein verbindliches Glaubensbekenntnis, keinen Guru, kein Oberhaupt mit Heilsanspruch und keine Instanz, die ihren Mitgliedern Vorschriften für ihr Leben macht. Die Freimaurerei ist demokratisch aufgebaut und vertraut auf den mündigen Menschen. Weder die Religionswissenschaft noch der Sektenbericht des Deutschen Bundestages führen die Freimaurer als Sekte.

Auch ein Karrierezirkel ist die Loge nicht. Berufliche Seilschaften und sogenannte „Geschäftsmaurerei“ sind verpönt; von einem Bewerber wird sogar das Versprechen erwartet, dass er sich von der Aufnahme keine wirtschaftlichen Vorteile erhofft. Beruf und Stellung gibt man, wie es heißt, „an der Garderobe ab“.

Und schließlich ist da die Weltverschwörung. Solche Erzählungen begleiten den Bund seit dem 18. Jahrhundert. Damals hieß es, die Freimaurer hätten die Französische Revolution angezettelt; später diente die antisemitische Fälschung der „Protokolle der Weisen von Zion“ als angeblicher Beweis, und bis heute tauchen die Maurer in Geschichten über eine „Neue Weltordnung“ auf. Haltbar ist davon nichts. Der oft mit den Freimaurern verwechselte Illuminatenorden bestand tatsächlich nur wenige Jahre und wurde schon 1785 verboten; mit der Freimaurerei ist er nicht identisch.

Wie unbegründet das Bild einer geheimen Macht ist, zeigt die eigene Geschichte des Bundes am deutlichsten. Weil die Freimaurerei für Humanität und Völkerverständigung eintritt, war sie totalitären Regimen immer verdächtig. Im Sommer 1935 lösten die Nationalsozialisten die deutschen Logen auf und verboten sie, enteigneten ihre Häuser und beschlagnahmten ihre Archive. Die Zahl der deutschen Freimaurer sank von rund 80.000 vor dem Krieg auf etwa 5.000 danach; einige wurden ermordet, darunter Männer des Widerstands wie Julius Leber, Wilhelm Leuschner und Carl von Ossietzky. Ein Bund, der in Diktaturen verfolgt wird und allein in freien Gesellschaften gedeiht, taugt schlecht zur heimlichen Weltmacht.